Tumoren des Magen- und Darmtraktes,
der Bauchspeicheldrüse und der Leber
Informationstag im Marienhospital Stuttgart am 17.03.2007 --- Referate

Krebs-Behandlung
Palliativstation in der Onkologie - Dr. med. Elisabeth Bürger

Beschwerden lindern: Palliativmedizin

Vielleicht erschrecken Sie – vielleicht sind Sie auch froh, wenn ich sehr konkret werde und
sensible Probleme direkt anspreche.

Auch ich als Arzt muss immer wieder lernen, den schwierigen direkten Weg zu gehen und
zwar den der Offenheit. Nur so kann ich mit den betroffenen Patienten eine ehrliche
Beziehung eingehen, denn wir müssen ein schweres Stück Weg zusammen gehen.

Letzthin bekamen PJ-Studenten, das sind angehenden Ärzte, die ihr praktisches Jahr
machen und die ich in Palliativmedizin unterrichte, die Aufgabe, mit einem unserer Patienten
der Palliativstation Kontakt aufzunehmen, zuzuhören, was er erzählt, über sich und über
seine Krankheit. Den Studenten wurden keine medizinischen Informationen gegeben und sie
wussten die Diagnose nicht.

Sie waren eher ängstlich vor der Begegnung. Ich war sehr gespannt und besorgt, wie die
jungen unerfahrenen Leute und die zum Teil schwerkranken Patienten reagieren würden.

Die Studenten waren erschüttert, denn fast alle Patienten haben mit unglaublicher Offenheit
ihre Erfahrungen, ihre Ängste, ihre Gedanken zu Krankheit und Tod formuliert. Themen,
die wir Ärzte doch mit viel Vorsicht und Hemmungen angehen.

So sagte ein Patient zu einer jungen Studentin: „ Ich weiß doch genau was los ist mit mir
und dass ich bald sterben werde. Dieses „Rumgeeiere“ von den Ärzten, sie hätten noch eine
Therapie für mich, ist doch nur, um mir die Wahrheit nicht ins Gesicht sagen zu müssen.

Sie verstehen nun, warum ich sagte, dass nur mit Wahrheit, Offenheit und Mitgefühl eine
ehrliche Begleitung entstehen kann.

...Wenn man Palliativmedizin hört, denkt man ans Sterben, sagte ein Bekannter.

...Auf die Palliativstation will ich noch nicht, da stirbt man, sagte eine Patientin.

...Sagen Sie meinem Vater nicht, dass er auf der Palliativstation ist, sonst hat er Angst.

Was denken Sie, wenn Sie das Wort Palliativ hören?
Aus den vorangegangenen Vorträgen haben wir gehört, dass Heilung, das ärztliche
Selbstverständnis, nicht immer aufrecht erhalten werden kann.

Heilung - das hartnäckige Ziel der Medizin - wir Ärzte geben dieses Ziel nicht gern auf. Und
wenn wir es aufgeben müssen, umschreiben wir dann diese Situation gerne mit Worten, die
der Patient nicht immer versteht, und wir sind froh, wenn er sie nicht ganz versteht. Wir
haben manchmal Angst, es ist uns unangenehm, die Wahrheit zu sagen.

Wie erleben die Patienten ihre Krebserkrankung, wenn sie wissen, dass sie nicht mehr
gesund werden?

Jede Veränderung im Körper, die wir Gesunde als Unpässlichkeit hinnehmen, wird als Angst
empfunden. Was bedeuten diese krampfartige Schmerzen im Bauch? Warum verschwindet
dieses Bohren im Rücken nicht? Macht der Krebs weiter?

Das Warten auf die Untersuchung, was, erst in 3 Tagen, warum erst in 10 Tagen, - diese
Tage sind von Unruhe geprägt, die Nächte von Schlaflosigkeit.

Eine Patientin schilderte: „Bei der Sonographie lasse ich keinen Blick vom Gesicht des
Arztes. Warum hat er die Augenbraue hochgezogen? Warum hat er die Leber zehn Minuten
untersucht ohne zu reden? Mir ist der Angstschweiß ausgebrochen.“

Ist es uns Ärzten bewusst, was eine Untersuchung, das Warten auf ein Ergebnis, für den
Patienten bedeutet?

Die Zeit, in der die Krankheit sich in der chronischen Phase befindet, verläuft vielleicht in
Schüben, vielleicht ist eine merkliche oder auch nur eine ganz langsame Verschlechterung
des körperlichen Zustandes sichtbar. Viele Patienten sagen, dass sie sehr bewusst leben,
dass sie eine Zeit voller Intensität genießen können wie nie zvor , aber auch eine Zeit, die
immer wieder geprägt ist von Ängsten.

„Es ist nichts mehr wie vorher war. Wenn man einmal vergisst und unbeschwert ist, kommt
plötzlich wieder dieser Schatten über einen und das Lachen stockt,“ so ein Arztkollege,
dessen Frau eine Krebserkrankung hat.

Man macht sich Gedanken, hat Angst vor körperlichen Beschwerden wie Schmerzen, vor
Siechtum, Hilflosigkeit, sich nicht mehr selber versorgen zu können, eine Belastung für
andere zu sein.

Bei 80% der Tumorpatienten wissen wir, dass Beschwerden irgendwelcher Art auftreten,
meist Schmerzen, oft verbunden mit Schwäche, Appetitlosigkeit, Übelkeit, Wasser im
Bauch und den Beinen, Atemnot oder Verwirrtheitszustände - dazu kommt nun die Angst,
die Unsicherheit, sowohl des Patienten als auch seiner Angehörigen.

Wenn nun solche Probleme auftreten, ist die Palliativmedizin gefragt.

Die Richtung der diagnostischen und therapeutischen Verfahren sollen nun einer symptom-
lindernden und menschlich unterstützenden Medizin weichen. Aber nicht selten hört man:
„Der Arzt hat doch so viel zu tun, ich darf doch seine Zeit nicht stehlen.“

Oft sind die Patienten zwar bestens aufgeklärt über das Medizinische, aber das
Aufgehobensein in einer Zeit der Schwäche, wo Zuwendung und warmes Verständnis
angesagt wäre, fehlt.

Wer spricht mit dem Patienten über seine Angst, dass er nicht mehr lange lebt? Wer glaubt
ihm seine Schmerzen, obwohl die Untersuchungen zeigen, dass dort nichts zu sehen ist?
"Bin ich denn ein Simulant?“

Wie kann er seine Schwäche klarmachen? Beim Arzt nimmt man sich schließlich zusammen,
der merkt es gar nicht.

Wer redet mit der Familie?

Wenn Heilung nicht mehr angesagt ist, muss das Ziel der Medizin sein, den Patienten zu
unterstützen in allen seinen Sorgen und seine Beschwerden lindern.

Das ist Palliativmedizin
Die Palliativmedizin unterstützt den Patienten in allen Bereichen, physisch und psychisch,
sie ist die Verbindung, zwischen einerseits der bestmöglichen medizinischen Behandlung
und andererseits dem Wahrnehmen tieferer Probleme und stellt sich auch den Fragen des
Sterbens.

Auch in der Palliativmedizin hat die Forschung nicht Halt gemacht, und es gibt zum Glück
inzwischen viele Möglichkeiten zur Linderung der Beschwerden.

Ich versuche, Fragen, die immer wieder gestellt werden, zu beantworten.

Was ist eine Palliativstation?
Auf die Pallliativstation werden vorwiegend Krebspatienten mit besonders schweren
Symptomen aufgenommen, die auf einer anderen Station nicht ausreichend behandelt
werden können. Oft sind es Patienten, bei denen sehr starke Schmerzen im Vordergrund
stehen, deren Therapie besondere Kenntnisse und Erfahrungen erfordert.

Im MH haben wir 2 Palliativstationen mit insgesamt 20 Betten.

Was ist das Besondere einer Palliativstation?
Auf der Palliativstation ist der Pflegeschlüssel höher, so dass die Schwestern und Pfleger
sich mehr Zeit nehmen können für die Patienten.

Wir versuchen als Team, zu dem außer den Ärzten, den Pflegerinnen und Pflegern auch ein
Psychologe, die Seelsorger, Krankengymnastinnen, die Diätberaterin sowie eine Mal- und
Musiktherapeutin gehören, die Bedürfnisse der Patienten zu erkennen und nachzukommen.

Die Patienten fühlen sich trotz ihrer Krankheit sehr wohl auf der Station, weil auf sie
eingegangen wird, weil sie sich verstanden und ernst genommen fühlen. Auch die Angehö-
rigen werden so gut als möglich mitbetreut und für viele bedeutet es eine Entlastung, dass
man sich ihrer Sorgen annimmt. Es gibt keine festen Besuchszeiten und selbstverständlich
dürfen die Angehörigen auch hier übernachten.

Was wird auf einer Palliativstation noch gemacht?
Alle Untersuchungen, die erforderlich sind, um die Ursache der Beschwerden zu finden und
alle Therapien, die dem Patienten Erleichterung bringen.

Stimmt es, dass alle Patienten auf der Palliativstation sterben?
Ziel ist es, mit unserer Therapie die Beschwerden so zu lindern, dass sie wieder nach Hause
gehen können und dort von HA und / oder dem BS und den Sozialstationen betreut werden.
Bei erneut auftretenden Problemen versprechen wir eine Wiederaufnahme auf unserer
Station.

Eine Betreuung kann über Jahre gehen, aber auch nur über wenige Tage. Etwa 50% gehen
nach Hause.

Selbstverständlich sterben auf der Station auch viele Patienten, meist ruhig, ohne Schmerzen.
Auf einer der Stationen wird immer eine Kerze angezündet, wenn jemand gestorben ist. Es ist
kein Geheimnis.

Wird auf der Palliativstation auch noch Chemotherapie gemacht?
Selbstverständlich werden auch noch Chemotherapien durchgeführt. Wichtig ist eine gute
Aufklärung. Manche Therapien haben Nebenwirkungen, die normalerweise nicht belasten,
jedoch bei geschwächten Patienten doch gravierend sein können. Der Palliativmediziner
muss genau aufklären und abwägen: was kann durch eine Therapie verbessert werden, was
kann an Lebensqualität noch gewonnen werden, oder ist es nur das Greifen nach dem
Strohhalm?

Auf der Palliativstation wird aber auch akzeptiert, wenn der Patient eine Therapie ablehnt,
weil er einfach nicht mehr mag und auch auf eine mögliche Lebensverlängerung von vielleicht
wenigen Wochen verzichten will.

Wird die Bestrahlung abgerochen, wenn mein Vater jetzt auf der Palliativstation ist?
Selbstverständlich nicht. Gerade Strahlentherapie ist ein entscheidendes Verfahren zur
Linderung der Schmerzen, vor allem bei Knochenmetastasen. Oft können Schmerzmittel
deutlich reduziert werden und oft können Patienten, die aufgrund der Schmerzen nicht mehr
aufstehen konnten, wieder mobilisiert werden.

Geht es meinem Mann so schlecht, weil er Morphium bekommt?
Diese Frage zeigt die große Angst vor Morphium. Es ist nicht immer einfach, die richtige
Dosierung zu finden. Morphium muss niedrig dosiert begonnen werden und dann langsam
gesteigert, bis die Schmerzen für den Patienten erträglich sind.

Am Anfang treten oft Nebenwirkungen wie Übelkeit und Müdigkeit auf, die jedoch nach
einer Gewöhnungsphase verschwinden. Es gibt verschiedene Morphiumpräparate und
manchmal braucht es etwas Zeit, das richtige und bestverträgliche zu finden. Es gibt viele
Schmerzpatienten, die dank Morphium wieder fähig sind zu arbeiten.

Bei den meisten Patienten gelingt es, die Schmerzen zu lindern, es gibt aber immer
besonders schwere Fälle, die leider nur ungenügende Linderung erfahren.

Wie kann ich für meine krebskranke Mutter ein Bett auf der Palliativstation bekommen?
Der übliche Weg ist über den Hausarzt, der eine stationäre Aufnahme aufgrund der schweren
Symptome veranlasst. Manche Patienten kommen über unsere Ambulanzen, etwa die Hälfte
wird von anderen Abteilungen des Hauses oder von andere Kliniken, die keine Palliativstation
haben, übernommen.

Bekommt man immer einen Platz auf der Palliativstation?
Leider können wir nicht jeden Patienten sofort aufnehmen und wir müssen ihn auf eine
Warteliste setzen. Priorität haben Notfälle, z.B. mit Atemnot oder schweren Schmerzen,
sowie Patienten, die schon einmal bei uns waren.

Was ist der Unterschied zwischen einer Palliativstation und einem Hospiz?
Die Palliativstation ist Teil einer Abteilung in einem Krankenhaus, der Aufenthalt wird von
der Krankenkasse übernommen. Hier wird Diagnostik und u.U. noch eine aufwändige
Therapie gemacht, der Patient braucht aufgrund seiner Beschwerden immer wieder einen
Arzt, der über pallliativmedizinische Erfahrung verfügt, um einzugreifen. Selbstverständlich
können wir auch andere Abteilungen, z.B. die Chirurgie, oder die HNO-Abteilung,in die
Therapie einbeziehen.

Das Hospiz untersteht der Pflegeheimfinanzierung, es kommen hauptsächlich Patienten
dorthin, die einer guten Pflege bedürfen, deren Lebenszeit sehr begrenzt ist und die mit ihren
Schmerzen gut eingestellt sind. Sie werden von ihren Hausärzten betreut.

Schließen möchte ich mit folgendem Bild:
Die hochschwangere Tochter eines Patienten, der Hirnmetastasen hat und dadurch deutlich
verändert ist in seiner Persönlichkeit und teilweise verwirrt, fragt, ob sie für ihren Vater ein
kleines Konzert geben darf auf der Station. Sie spielt Violine und nimmt noch einen Künstler
mit, der sie auf der Gitarre begleitet. Sie spielen im offenen Flurbereich, in dem sich auch
eine Sitzecke befindet. Der Vater hört gebannt zu und sieht seine Tochter liebevoll an.
Während des Spiels öffnet sich immer wieder die Tür eines der Krankenzimmer. Ein
italienischer Patient wagt, sich dazu zu setzen, eine ältere Frau kommt ebenfalls hinzu, zwei
Besucher kommen aus den Zimmern, ein Patient mit einem Tumor im Halsbereich, deutlich
gezeichnet, steht mit dazu und fängt bei einer italienischen Weise an zu tanzen, der Italiener
versucht mit zu summen.

Nachher sitzen wir alle an einem Tisch, Gesunde und Kranke, Verwirrte und Entstellte,
Besucher, Schwestern und Arzt. Es gibt ein tiefes Gespräch über das Leben, über das
Sterben, über Wünsche, über Geburt und Tod. Allen ist es nachher gut gegangen. Das ist
auch Palliativmedizin.

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