Deutsche Sprache im Wandel
Zweiklassengesellschaft auch in der ureigensten Kultur angestrebt?
Berlin (wde) Die beliebte ARD-Moderatorin Sabine Christiansen hat in ihrer letzten Talk-Runde, am 29. Juli 2001, das Thema „Man spricht deutsch – aber wie?“ gewählt. Ein Thema, das seit der umstrittenen Rechtschreibreform immer wieder öffentlich, aber auch besonders in den Familien mit schulpflichti- gen Kindern, kontrovers diskutiert wird. Florian Langenscheidt, Vorstandssprecher der „Duden“ „Polyglott“ und „Brockhaus“ Verlage und damit mit verantwortlich an „vorderster Front“, sagte u.a. in der Diskussion einen bemerkenswerten Satz: „ ... jeder kann privat schreiben wie er will ...“ Was will uns der Mann damit sagen? Leider konnte Frau Christiansen nicht gezielt diese Aussage wirklich abschließend hinterfragen – eine ehrliche Antwort hätte ganze Kronleuchter zum erstrahlen gebracht. Was ist die „richtige Richtung“ bei der Erhaltung und Entwicklung einer „Muttersprache“? Gerd Schrammen vom „Verein deutsche Sprache“ meinte, leider zutreffend: „Die deutsche Sprache wird von selbst ernannten rohen Sprachmeistern aus Werbung und Medien zur Sau gemacht“.
In dem Satz von Florian Langenscheidt „ ... jeder kann privat schreiben wie er will ...“ liegt sehr viel Zündstoff und Erkenntnis für den Zuhörer - wenn man richtig zuhört und die daraus logisch abzuleitenden Schlüsse zieht. Wenn es wirklich egal ist wie man „privat“ schreibt, was ganz bestimmt nicht erstrebenswert ist, wozu benötigen wir dann den qualifizierten Deutschunterricht in den Schulen? Woran soll sich der junge Mensch halten? Soll nur für das „Berufsleben“ richtig geschrieben werden und wer bestimmt die so wichtigen Änderungen. Den Hinweis von Langenscheidt, in den nächsten Generationen hat sich das Problem von allein gelöst, trifft überhaupt nicht den Kern des vorgegebenen Themas und schon gar nicht die Erhaltung und Förderung der deutschen Sprache. ___________ In der lebhaften aber fairen Diskussion sagte vorher Klaus von Dohnanyi, ehemaliger Bundesbil- dungsminister der SPD seine Meinung: „Die Rechtschreibreform ist völliger Wahnsinn“. Der Schriftsteller und Rhetorik-Professor Walter Jens vertrat die Auffassung: „Die deutsche Sprache befindet sich im Augemblick in einem Tief. Die Redekultur ist durch die gräßliche Kohl-Zeit auf den Hund gekommen.“ Beide waren sich in ihrer Meinung einig, daß nicht mehr die „freie Wirtschaft“, hier gemeint hauptsächlich die beteiligten Verlage, über die Entwicklung einer Muttersprache entscheiden sollten und dürfen, sondern unabhängige Fach-Institutionen. Sinnigerweise waren die dafür bestimmten Fachleute nicht für eine Rechtschreibreform, so Jens. Der oben zitierte Einwand von Florian Langenscheidt spreche für die Vermutung, daß es den Verlagen bei der Rechtschreibreform   auch um die Möglichkeit einer guten Umsatzsteigerung gehe. Den Hinweis von Langenscheidt, daß der neue Duden „mehr als ein Bestseller“ gewesen sei und ist, muß man wirklich als zynisch betrachten. Annette Schavan, Vorsitzende der Kultusministerkonferenz, CDU, meinte, daß sich durch die Rechtschreibreform „nicht der Umgang mit der Sprache geändert“ habe. Sie vergißt dabei, daß erst eine kurze Zeit nach der Reform vergangen ist, eine Sprache sich aber in einem längeren Zeitraum entwickelt und gegebenenfalls ändert. Der „Schwachsinn blüht“, steuerte Wolfgang Niedecken, Gründer und Liedsänger von „BAP“ bei und meinte weiter, daß bei der Reizüberflutung durch die Medien „das Niveau sinke“. ___________ Die Fortentwicklung einer lebendigen Sprache ist in unsere Zeit erwünscht und auch nicht aufzuhalten. Die neuen Technologien auf allen Gebieten und deren Sprachgebrauch z.B. werden weiterhin, viele werden es bedauern, Bestandteil unserer Sprache sein. Aber muß man zwangsläufig damit auch die Feinheiten der deutschen Sprache verbieten? Walter Jens wies u.a. auf die alte deutsche Kultur und die Dichter und Denker hin. Das geschriebene Wort kann in seiner tiefen Bedeutung erst durch die Feinheiten der Sprache erkannt und verstanden werden. Wenn jeder schreiben kann wie er will, werden wir in einigen Generationen tatsäch- lich eine Zweiklassengesellschat haben. Denn, auch wenn in den Schulen das „richtige Deutsch“ gelehrt wird, werden sich sehr sehr viele Menschen danach nicht mehr die notwendige Mühe geben. Für die sogenannte „Boulevard-Presse“ wird es noch reichen.  
Die engagierte und beliebte Fern- sehredakteurin und Moderatorin Sabine Christiansen Foto: ARD ___________________________ Wo ist dann die Grenze zwischen privat, geschäftlich und z.B. Behördengänge? Wer entscheidet, wieviel „richtiges“ Deutsch man benötigt, Orwell läßt grüßen. Der Unterschied, aber auch die Abhängigkeiten zwischen dem geschriebenen und gesprochenen Wort darf ebenfalls nicht verkannt werden. ____________________ Sollte, muß nicht der Staat selbst dafür sorgen, was mit „seiner“ Sprache geschieht? Das hat nichts mit dem allgemeinene „Ruf nach dem Staat“ zu tun, sondern das ist wirklich seine ureigenste Angelegenheit. „Sprache lebt vom Wandel und eine lebendige Sprache kann sich schnell anpassen“, meinte Langenscheidt. Ob er bei dieser Aussage auch schon wieder an eine neue Auflage des „Duden“ gedacht hat? Die überhebliche Körpersprache von Florian Langenscheidt, besonders zum Schluß der Diskusion, läßt böses ahnen. Müssen wir das hinnehmen?

   
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