Textbeitrag zu den Feiertagen "500 Jahre Reformation"
von Pastor i.R. Hans-Peter Hellmanzik, Bad Bevensen, Niedersachsen
Luther heute - Evangelische Freiheit - Luther heute

500 Jahre Reformation - was machen wir bloß mit Halloween?

In der Vorrede zum Römerbrief von 1522 schreibt Martin Luther: „Glaube ist eine lebendige,
entschlossene Zuversicht auf Gottes Gnade, so gewiss, dass er tausendmal darüber stürbe.“
Und Luther fährt
fort: „Solche Zuversicht und Erkenntnis der göttlichen Gnade macht fröh-
lich, trotzig und lustig gegenüber Gott und allen Kreaturen.“

Mir will scheinen, es sei an der Zeit, sich auf diesen Kern des Christsein zu besinnen. Denn,
gut lutherisch formuliert: Mit unsrer Macht ist nichts getan ...
Mit unsrer Leistung nicht, mit
all unserem Tun und Machen ist nichts getan.
Wir sind gar bald verloren. Allen Modernisie-
rungs-bemühungen zum Trotz!

Da muss was wirklich Neues, Wahres her. Die Regale nämlich sind voll, doch die Herzen
sind leer. Und wer soll denn die leeren Herzen füllen? Und die Angst, wenn die innere Leere
sich meldet: Du bist ausgebrannt, wie sehr du dich auch aufplusterst mit deiner Leistung, mit
dem was Du besitzt, während du doch oft genug des Lebens müde und überdrüssig bist.

Reformation: Noch nie war sie so wertvoll und so dringend nötig wie heute!
Die Probe aufs Exempel können wir in jeder xbeliebigen Fußgängerzone erleben. Fragen Sie
einen Passanten, ob seiner Meinung nach der 31. Oktober ein besonderer Tag sei. Welche
Antwort, glauben sie, ist die häufigste? Richtig: „Halloween“. Häufiger als „Reformation“.

Reformation? Nicht bei Kindern und Jugendlichen. Statt dessen Halloween - das Wort
kommt vom englischen All Hallows Evening . Was nichts anderes meint als den Abend vor
Allerheiligen. A
m späten Nachmittag und Abend verkleiden sich Kinder und Jugendliche als
Vampire, Mumien oder Frankensteins und ziehen von Haustür zu Haustür.

Süßes oder Saures!
Ohne was Süßes kann auch schon mal Rasierschaum oder ein rohes Ei an einer Stelle landen,
wo diese Dinge nun überhaupt nicht
hingehören.

Wie sollen sich Anhängerinnen des Reformationsfestes, wie sollen wir uns als Evangelische
dem neuen Brauch Halloween gegenüber
verhalten? Schließlich geht es bei Halloween mitt-
lerweile nicht
allein um maskierte Kinder, die von Haus zu Haus ziehen. Es gibt auch Halloween-
Partys und Horrorfilm-Abende in manchen
Restaurants gar Halloween-Menus. In den USA sol-
len gelegentlich gar Häuser oder Autos in Brand
gesetzt oder - umgekehrt - Süßigkeiten vergiftet
worden sein.
Angeblich hat der 31. Oktober auch für Satanisten als Tag des Bösen eine
Bedeutung.

Wie sollen wir mit dem neuen Brauch umgehen, von dem die Volkskundler hellauf begeistert
sind? Endlich ergibt sich ihnen die
Möglichkeit, das Entstehen eines Brauchs zu studieren, der
als
Exporterzeugnis mit rasender Geschwindigkeit rezipiert, umgedeutet und weiterentwickelt
wird. Wie sollen wir den neuen Brauch
beurteilen?

„Zur Freiheit hat uns Christus befreit! So ... steht nun fest und lasst euch nicht wieder unter das
Joch der Knechtschaft zwingen! Seht,
ich, Paulus, sage euch: Wenn Ihr euch beschneiden lasst,
so wird
euch Christus nichts nützen. Noch einmal bezeuge ich jedem, der sich beschneiden lässt,
dass er verpflichtet ist, das ganze Gesetz zu
halten. Ihr habt Christus verloren, die ihr durch das
Gesetz gerecht
werden wollt, und seid aus der Gnade herausgefallen. Denn wir warten im Geist
durch den Glauben darauf, dass unsere Hoffnung
auf Gerechtigkeit erfüllt wird. Denn in Jesus
Christus gilt weder
Beschneidung noch Unbeschnittensein etwas, sondern der Glaube, der durch
die Liebe tätig ist." Galater 5, Verse 1 bis 6!

Er gehört zu Luthers Lieblingstexten, darum habe ich ihn zitiert. Und es fällt zunächst auf, dass
vom gerade genannten neuen Brauch, der gerade mal 25
Jahren nun auch in unsern Breiten sein
Wesen oder Unwesen treibt,
... keine Rede! Wohl aber von der Freiheit! Von der evangelischen
Freiheit!
Zur Freiheit hat uns Christus befreit! So ... steht nun fest und lasst euch nicht wieder
unter das Joch der Knechtschaft zwingen!

Evangelische Freiheit!
Im Gespräch mit Katholiken wird evangelische Freiheit gern als Freiheit von der Sonntagspflicht
verstanden. Wir ... müssen sonntags
oder an einem Feiertag keinen Gottesdienst besuchen. Wir
müssen nicht.

Der Apostel Paulus hatte nicht die Freiheit von der Sonntagspflicht im Kopf, als er seinen be-
rühmten Brief an die Christen in Galatien
schrieb. Ihm ging es - damals - um die Freiheit von der
Beschneidung, letztlich vom Gesetz, von den zehn und den vielen anderen Geboten. Freiheit -
nun nicht in dem Sinne, dass für Christen die Zehn Gebote nicht mehr gälten. Keineswegs.
Freiheit - überhaupt nicht in dem Sinne, dass uns die Zehn Gebote gleichgültig sein könnten.

Freiheit - wohl aber in dem Sinne, wie es Martin Luther interpretiert hat: was immer wir auch tun, welche Lebens- oder religiöse Leistung wir auch erbringen, wieviel gute, fromme Werke wir auch tun, ein guter Mensch werden wir damit nicht. Jedenfalls in Gottes Augen nicht! Und wer kennt sie nicht: die Ansprüche an uns selbst, nicht die von andern Leuten uns gegenüber, nein: die eigenen! - Was wir - eigentlich! - alles zu tun - und was wir gefälligst lassen sollten, - was wir zu leisten und endlich zu schaffen hätten, - wie wir aussehen und was wir längst erreicht haben müssten! Da wurmt ein Gesetz in unserm Innern, das uns vorschreibt, wie und wer wir sein müssten, damit nun nicht Gott, nein: damit bloß wir selbst uns akzeptieren könnten.

Seit dem Jahr 2000 machen Ärzte und Männerforscher auf den schlechten gesundheitlichen Zu-
stand der Männer aufmerksam.
Männer in den westlichen Industriegesellschaften, stellen sie fest,
müssen kämpfen und siegen und vor allem Leistung erbringen. Und sie zahlen dafür einen Preis.
Erhöhtes Krankheitsrisiko, geringere
Lebensqualität und niedrigere Lebenserwartung.

Und das ist nicht allein ein Problem von Männern: dieses Gesetz im Innern, das verhindert, uns
annehmen zu können. Anselm Grün
meinte, Paulus zu folgen, würde heißen, dass ich meine heid-
nische Seele wahrnehme - und annehme, - dass ich die Mechanismen, die in meinem Unbewuss-
ten ablaufen, anschaue
- dass ich die Gesetze meines Überichs anerkenne - und mich so, wie ich
bin, diesem Jesus Christus hinhalte.
- Meine Ohnmacht, irgendetwas an mir ändern zu können,
inklusive!

Nein, selbst die besten Leistungen und Werke machen aus mir keinen guten Menschen. Umge-
kehrt ist es. Ein guter, frommer
Mann, meinte Luther, macht gute, fromme Werke. Du mit deinen
Stärken und mit deinen Schwächen, mit dem Guten, das du willst, und mit dem Bösen, das du
tust, so ohnmächtig du dich fühlst, so
sehr du dich manchmal überschätzt, du brauchst dich
deiner selbst
nicht zu schämen. Du darfst einfach da sein. Wie alle anderen Geschöpfe auf Erden
auch. Wie die Lilien auf dem Feld, wie die
Vögel unter dem Himmel. Gott sieht dich als guten
Menschen an,
nicht weil du gut bist. Er sieht dich so.

Was Paulus mit seiner Freiheit im Blick hat, ist ein grundsätzliches Vertrauen: in meinem Glau-
ben, in Christus bin ich frei. Frei von
dem Gesetz in meinem Innern, frei selbst von dem, was
ich meine,
sein und leisten zu müssen. Diese Freiheit haben wir nicht, wir können sie uns auch
nicht innerlich einbauen - ein für alle Mal, als
evangelische Freiheits-Card in die Seele. Es ist
immer nur ein Ahnen
- um diesen Glauben, der rechtfertigt, - um diese Freiheit, zu der mich
Christus befreit.

Vielleicht ist die Erinnerung an die Reformation genau dazu gut: uns an diese Ahnung zu erin-
nern.
Und was bedeutet evangelische Freiheit für unsern Umgang mit Halloween? Manche
Christen warnen vor heidnischen, okkulten oder gar
satanistischen Inhalten und Mächten, die
ihrer Meinung nach durch
Halloween freigesetzt und verbreitet werden. Andere kritisieren die
massive Kommerzialisierung des neuen Festes
im Herbst - zwischen Erntedankfest und Advent.
Und das ist es
sicherlich: ein profitables Geschäft! In den USA übertreffen die Umsätze an die-
sem Tag bei weitem die zu Ostern, Muttertag und
sogar Weihnachten. All die Kostüme oder
Süßigkeiten bringen Milliarden!
Eine irische Brauerei versucht, mit diesem Tag ihr Produkt an
den
Mann zu bringen, wurde das Fest doch von irischen Einwanderern in die USA gebracht.

Was tun?
Moralische Vorwürfe wie Kommerzialisierung? Die treffen Weihnachten oder Ostern gleicherma-
ßen! Vielleicht
erst einmal verstehen! Für die Jugendlichen und Kinder, so erlebe ich das, ist das
neue Fest zunächst einmal eine Art „Heischebrauch“,
wie die Volkskundler das nennen. Man
zieht von Tür zu Tür und
bekommt etwas. Ähnlich wie am Dreikönigstag. Ich vermute jedoch,
es steckt noch
ein bisschen mehr dahinter. Was die Verkleidung angeht, ganz ähnlich wie beim
Karneval, werden soziale Rollen vertauscht. Kinder
maskieren sich, erschrecken Erwachsene
und stellen „Forderungen“, die sie zu erfüllen haben.
Kinder dürfen spielerisch erleben, dass sie
&groß“, „stark“ und
„mächtig“ sind. Ihnen wird das zugestanden, einfach, weil sie Kinder sind.

Ein Spaß!
Das ganze Gruseln ist wenig mehr als Komödie. Für die meisten ist Halloween in erster Linie
Fun - ein freudig begrüßter, besonders
greller Farbklecks unserer bunten Spaßkultur. Von daher
scheint
mir die Idee, den kreischenden Kids Süßes in die Hand zu drücken, ein angemessenes
Verhalten.

Als Evangelische brauchen wir uns vor dem Halloween-Trubel nicht in die Schmollecke zurück
zu ziehen. Wir müssen uns an Halloween
nicht beteiligen. Wir brauchen uns aber auch nicht
ängstlich
abzugrenzen. Wenn ich die albernen Monster vor der Tür ängstlich abwehre, grenze
ich mich nicht nur gegen vermeintlichen Unglauben
ab. Ich grenze mich auch ab gegen den Un-
glauben in meinem
eigenen Herzen, ich bekämpfe die eigene „heidnische Seele“. Als müsste ich
was tun, meinen Glauben an Christus zu schützen!

500 Jahre Reformation erzählt von einer Ahnung, von der im Glauben geahnten evangelischen Freiheit. In Christus ahnen wir: wir sind frei von unserm inneren Gesetz, was wir zu leisten und zu schaffen hätten. Wir sind angenommen. In Christus gilt der Glaube, der durch die Liebe tätig ist.

Und augenzwinkernd lachen wir mit den kleinen Gruselmonstern an der Tür die finsteren Mächte, Tod und Teufel einfach aus.

Engagiert Heide Kirche
Bis heute ist Pastor i.R. Hans-Peter Hellmanzik
sehr aktiv für seinen evangelisch-lutherischen
Glauben unterwegs.
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Dreikönigskirche Bad Bevensen
Kirchenmusikerin Ute Bautsch-Ludolfs ist für die "guten Töne" der Orgel von
1867 zuständig.
Philipp Furtwängler (Elze) erbaute eine vollständig neue Orgel,
die im Hauptwerk 10 Register, im Schwellwerk 6 und im Pedalwerk 5 Register
umfasst. Eine Besonderheit ist die Zimbel, die zur Advents- und Weihnachtszeit
erklingt. Eine zusätzliche Besonderheit, die Siebenstern-Gottesdienst in dieser Zeit.
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(c) Idee / Text / Fotos: wde
Stand 19.02.2013
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