Textbeitrag zu den Feiertagen "500 Jahre Reformation"
von Pfarrer Martin Germer , Berlin, Gedächtniskirche
4. Sonntag nach Trinitatis, 1.7.2012,
Kaiser-Wilhelm-Gedächtnis-Kirche, Berlin

Abendgottesdienst „Reformation und Musik“
Predigt zu dem Luther-Lied „Die beste Zeit im Jahr ist mein“ (EG 319)

Liebe Gemeinde!

„Anno salutis 1523 am 8. tage Julij“ vollendet Hans Sachs, in Nürnberg und darüber
hinaus bekannt als „Schuh – macher und Poet dazu“, ein langes Gedicht und gibt es in
Druck. Es trägt den Titel „Die wittembergisch nachtigal, die man iez höret überal“(1*).

„Wacht auf“, so beginnt es, „Wacht auf, es nahent gen dem tag!
ich hör singen im grünen hag
ein wunnikliche nachtigal;
ir stim durchklinget berg und tal.
die nacht neigt sich gen occident,
der tag get auf von orient,
die rotbrünstige morgenröt
her durch die trüben wolken get,
daraus die liechte sunn tut blicken,
des mones schein tut sie verdrücken“.

Mit diesen charakteristischen Knittelversen besingt der Meistersinger Hans Sachs die
Reformation: als langersehnten Tagesanbruch. Über 400 Jahren hatte man die Men-
schen vom Licht des Evangeliums ferngehalten. Nun aber, seit Luthers Thesenan-
schlag in Wittenberg vor knapp sechs Jahren, nun wird es endlich wieder hell für den
Glauben der Christen. Und er ist hier gemeint: „doctor Martinus Luther“. Er ist „die
lieblich nachtigal …, die uns den hellen tag ausschrei“
und die „uns aufwecket von der
nacht“.
Von der Nacht, in die die Verweltlichung und Gottvergessenheit der damali-
gen römischen Papstkirche die Christenheit hatte versinken lassen:

„Das wir das wort gottes verließen
und nur teten, was sie uns hießen,
vil werk, der got doch keins begert;
hant uns den glauben nie erklert
in Christo, der uns selig macht.
diser mangel bedeut die nacht,
darin wir alle irr seint gangen.“

Mehr als vierhundert Jahre hat diese Finsternis geherrscht, bekräftigt Hans Sachs,

„biß doctor Martin hat geschriben
wider der geistlichen mißbrauch
und widerum aufdecket auch
das wort gottes, die heilig schrift
er müntlich und schriftlich ausrift,
in vier jaren bei hundert stucken
in teutscher sprach, und lat sie drucken
das man verste, was er tu leren.“

Martin Luther also als „wunnikliche Nachtigal“! Sachs meint hier nicht so sehr den
Liebreiz des Nachtigallen-Gesangs, sondern die Erfahrung, dass sich in ihrem nächtli-
chen Trillern oder Schlagen ganz früh schon der Tag ankündigt, noch früher als bei
der Amsel. Und das Wissen, dass mit der Wiederkehr der Nachtigallen Frost und Win-
ter endgültig vorbei sind, neues Leben begonnen hat.

Der neue Tag und das neue Frühjahr stehen für die neue Lehre, die den Menschen
den Glauben erschließt und nahe bringt, den Glauben an Christus statt an eigenes
Verdienst oder kirchlich verordnete Werke. Endlich wird das in verständlicher, deut-
scher Sprache den Menschen so nahegebracht, dass sie frei von klerikaler Bevormun-
dung ihren Glauben leben können. Und der Schuhmachermeister und Meisterpoet
Hans Sachs tut das Seine zur Verbreitung dieses Glaubens. In seinem langen Spruch-
gedicht fasst er Grundgedanken dessen zusammen, was er von Martin Luther gelernt
hat, und zeichnet bildhaft die Auseinandersetzungen zwischen Luther und den Ver-
tretern der damaligen Papstkirche nach.

So wie er hat auch Luther selbst nicht nur mit Predigten und Vorlesungen und theolo-
gischen Schriften das neue Verständnis des Evangeliums unter die Menschen ge-
bracht. Ganz wesentlich waren für ihn seine Lieder. Bewusst und planmäßig hat er die
Hauptstücke des Glaubens in Verse und Melodien gefasst, damit man sie leicht erler-
nen und sich im gemeinsamen Singen zu eigen machen konnte. Er hat Lieder zu den
christlichen Hauptfesten gedichtet – „Vom Himmel hoch“, „Christ ist erstanden“ und
„Nun bitten wir den Heilgen Geist“ – und Lieder für den Gottesdienst: „Vater unser im
Himmelreich“
und „Verleih uns Frieden gnädiglich“. Er hat Psalmen in für jeden sing-
bare deutsche Worte gefasst und Lieder für ein getrostes Sterben in Druck gegeben:
„Mitten wir im Leben sind mit dem Tod umfangen.“

Das Lied mit der Gesangbuchnummer 319 allerdings, um das es jetzt gehen soll und
das wir nach der Predigt singen wollen, das hatte er selbst gar nicht zum Singen be-
stimmt! „Die beste Zeit im Jahr ist mein, da singen alle Vögelein, Himmel und Erde
sind der voll, viel gut Gesang, der lautet wohl.“ Das hat Luther zwar gedichtet. Aber
nicht, um es in der Gemeinde singen zu lassen. Vielmehr sind dies die Schlussverse
eines in Reime gefassten Vorworts aus dem Jahr 1538, einer „Vorrede auf alle guten
Gesangbücher“. Und diese Vorrede preist die Bedeutung des Singens und der Musik:

„Frau Musika spricht:
Von allen Freuden auf Erden
kann niemandem eine schönere werden,
denn die ich geb mit mei’m Singen
und mit manchem süßen Klingen.
Hier kann nicht sein ein böser Mut,
wo da singen Gesellen gut.
Hier bleibt kein Zorn, Zank, Hass noch Neid;
weichen muss alles Herzeleid.
Geiz, Sorg und was sonst hart anleit“
– was sonst an Schwerem anliegt – (2*)
„fährt hin mit aller Traurigkeit“.

Luther hat selbst als Schüler im Knabenchor gesungen und dabei eine gründliche Ge-

sangsschulung erfahren. Als Mönch konnte er dies später weiter pflegen. Er spielte

Laute und Flöte und hatte auch das Komponieren richtig erlernt. So hatte er die be-

sondere Kraft der Musik von klein auf erfahren und immer wieder bestätigt gefun-

den. Das ließ ihn an anderer Stelle schreiben: „ich urteile rundheraus und scheue mich
nicht zu behaupten, dass es nach der Theologie keine Kunst gibt, die der Musik gleich-
gestellt werden könnte. Sie allein bringt nach der Theologie das zuwege, nämlich ein
ruhiges und fröhliches Herz. Dafür ist ein klarer Beweis, dass der Teufel, der Urheber
trauriger Sorgen und beängstigender Unruhen, beim Klang der Musik fast genauso
wie beim Wort der Theologie flieht.“(3*)

Darum lässt Martin Luther keine Gelegenheit aus, die Menschen zum Singen zu ani-
mieren und ihnen bewusst zu machen, was für eine wunderbare Gottesgabe der Ge-
sang doch ist. Und hier, bei diesem Beitrag zu einer Schrift seines Freundes und musi-
kalischen Vertrauten Johann Walter, hat er dazu offenbar besonders große Lust. Des-
halb unterstreicht er, dass wir uns durch nichts vom Singen und Musizieren abhalten
lassen sollen:
„Auch ist ein jeder des wohl frei, dass solche Freud kein Sünde sei,
sondern auch Gott viel besser gefällt, denn alle Freud der ganzen Welt.“

Unter seinen reformatorischen Weggefährten gab und gibt es so manche, die würden
am liebsten alles verbieten, was einfach schön ist und Freude macht; ihr Eifer für die
neu erkannte Wahrheit des Glaubens lässt dafür arg wenig Raum. Vor lauter Ernst-
haftigkeit in ihrem Kampf sind sie zutiefst misstrauisch auch gegenüber allem, was
Menschen einfach so im Innern berührt und bewegt und was nicht vom Wort, von
der reinen Lehre streng kontrolliert werden kann.

Dagegen hatte Luther schon acht Jahre vorher angeschrieben. Er steckte damals fest
auf der Veste Coburg, am südlichsten Zipfel des Herrschaftsgebiets seines Kurfürsten,
während Melanchthon und die protestantischen Reichsstände beim Reichstag in
Augsburg für das evangelische Bekenntnis stritten. In dieser für ihn selbst so span-
nungsgeladenen Situation schrieb er: „Ich liebe die Musik, und es gefallen mir die
Schwärmer nicht, die sie verdammen. Weil sie 1. ein Geschenk Gottes und nicht der
Menschen ist, 2. weil sie die Seelen fröhlich macht, 3. weil sie den Teufel verjagt, 4.
weil sie unschuldige Freude weckt.“(4*)
Darin war Luther sich mit Johann Walter völlig
einig, der 1524 das erste reformatorische
Gesangbuch herausgegeben hatte und des
sen Schrift gut zehn Jahre später den Titel trägt
„Lob und Preis der löblichen Kunst Musika“.

Der Reformator kann sich hier auf biblische Vorbilder berufen. Er nennt den jungen
David, der mit seinem Harfenspiel, quasi als Musiktherapeut, den schwermütigen Kö-
nig Saul oft davor bewahren konnte, sich immer tiefer in Depressionen und zerstöre-
rische Gewaltausbrüche zu verlieren. Von dieser lösenden und aufhellenden Kraft der
Musik kann „doctor Martinus“ auch aus eigener Erfahrung sprechen; in seinem Leben
gab es wiederholt depressive Phasen, in denen das Singen ihm tröstlich war.

Dazu erinnert er an den Propheten Elisa, von dem es heißt, dass er sich extra einen
Spielmann rufen ließ, um für Gottes Geist empfänglich zu werden. (5*)So kann Luther in
diesem Gedicht etwas über die Musik aussagen, was wohl durch die Zeiten hindurch
in Chören und in Gottesdiensten, bei Orgelmusik und in anderen Konzerten immer
wieder erlebt werden kann - und was gewiss auch viele unter uns aus eigenem Erle-
ben bestätigen können: Wie da das Herz weit werden und sich öffnen kann für die
Begegnung mit Gott.

„Zum göttlichen Wort und Wahrheit
macht sie das Herz still und bereit.“

Ausgehend von diesem Gedanken über die tiefe geistliche Bedeutung des Musik für
den Glauben nimmt Luther seine Leser nun auch mit nach draußen in die Natur – fast
schon so, wie Paul Gerhardt es 115 Jahre später mit seinem Lied „Geh aus mein Herz“
tun wird:
„Die beste Zeit im Jahr ist mein,
da singen alle Vögelein,
Himmel und Erden ist der voll,
viel gut Gesang, der lautet wohl.
Voran die liebe Nachtigall
macht alles fröhlich überall
mit ihrem lieblichen Gesang,
des muss sie haben immer Dank.“

Hier nun geht es tatsächlich um den bezaubernd schönen Gesang der Nachtigall und
nicht um ihre Bedeutung als Botin des anbrechenden Tages. Anders als in dem
abendlichen Kanon „Alles schweiget“ locken diese Vögel bei Luther aber nicht „Trä-
nen ins Auge und Schwermut ins Herz“.
Sie haben vielmehr die wunderbare Gabe,
„alles … überall“ „fröhlich“ zu machen. Darum ist es die beste Zeit im Jahr, wenn alle
Vögel singen und Himmel und Erde mit ihrem Gesang und Wohlklang erfüllen.

Dafür aber können wir Menschen doch nur dankbar sein! Dankbar sein gegenüber
der Nachtigall und allen, die ihr im Singen nacheifern, seien es andere Singvögel oder
seien es auch die Menschen, denen diese Gabe im Besonderen gegeben ist. Immer
aber geht unser Dank zugleich darüber hinaus und wendet sich an den Schöpfer
selbst. Darum beschließt Luther seine „Vorrede auf alle guten Gesangbücher“ so:

„Vielmehr der liebe Herre Gott,
der sie also geschaffen hat,
zu sein die rechte Sängerin,
der Musika ein Meisterin.
Dem singt und springt sie Tag und Nacht,
seins Lobes sie nichts müde macht:
den ehrt und lobt auch mein Gesang
und sagt ihm einen ewgen Dank.“

In diesen Zeilen ist Paul Gerhardts „Ich selber kann und mag nicht ruhn“ schon vor-
weggenommen:
„des großen Gottes großes Tun erweckt mir alle Sinnen. Ich singe mit,
wenn alles singt, und lasse, was dem Höchsten klingt, aus meinem Herzen rinnen.“
(6*)

Aus Luthers Versen über die „Vögelein“ im allgemeinen und die „Nachtigall“ im Be-
sonderen und über unseren eigenen Gesang hat nun Karl Lütge, ein Kirchenmusiker
aus unserer Schöneberger Nachbargemeinde „Zwölf Apostel“, ein Lied gemacht. Das
war vor 95 Jahren. Anlass der Veröffentlichung war der 400. Jahrestag der Reforma-
tion, der im Kriegsjahr 1917 begangen wurde.

Über diesen Karl Lütge ist nicht viel bekannt. Man weiß zwar, dass er sich mit seiner
Melodie an eine aus der Zeit um 1400 stammende Weise angelehnt hat, und dass
diese Melodie ursprünglich mit dem Text „Wenn wir in höchsten Nöten sein“ verbun-
den war. Aber man kann nur darüber spekulieren, was Lütge dazu bewegt haben
mag, ausgerechnet diese Melodie nun mit diesen fröhlichen und dankbaren Versen
zu verbinden!

Wie gesagt: Aus Luthers gedichteter Vorrede sind es nur die Schlussverse. Für sich
genommen klingen die eher nach Naturlyrik als nach Reformation. Und von der bösen
Zeit, in der Lütge daraus dies Lied gemacht hat, ahnt man dabei schon gar nichts. Da
ist nichts von dem konfessionellen und oft auch sehr nationalistischen Pathos, mit
dem 1917 das Reformations-Jubiläum begangen wurde. Und von den Nöten nach drei
Jahren des Ersten Weltkriegs erst recht nicht: von der Trauer um die vielen Gefalle-
nen und dem Leid der Verstümmelten, dem Hunger, der zunehmenden Kriegsmüdig-
keit auf der einen und den Durchhalteparolen auf der anderen Seite. Ob Lütge hier
ganz bewusst durch seine Vertonung dieser Verse der düsteren Gegenwart etwas
entgegensetzen wollte? Oder ob er in das markige Reformationsgedenken hinein die-
se ganz andere Seite an Martin Luther zum Klingen bringen wollte? Denkbar wäre es.

In den zwanziger Jahren ist Lütges Luther-Lied in verschiedene Liederbücher der Ju-
gendbewegung und der damals von ihr ausgehenden Singbewegung aufgenommen
worden. Erst seit zwanzig Jahren steht es auch offiziell im Evangelischen Gesangbuch.

Ein typisches Lied der Reformation wird man die Nummer 319 kaum nennen können,
dafür ist der theologische Gehalt mit der Aufforderung zum Danken und zum dankba-
ren Singen doch eher zu gering.

Aber das Lied erinnert an Seiten, die eben auch zu der „Wittenbergisch Nachtigall“
gehört haben: Luthers große Freude an der Musik, und seinen wachen und anteil-
nehmenden Sinn auch für die Welt der Vögel und der Tiere.

Und wer selbst schon mal die Freude hatte, im Dunkel der Nacht eine Nachtigall sin-
gen zu hören, oder auch, wer sich morgens am Gesang der Amseln freuen kann, der
wird an diesem sommerlichen Abend gewiss auch in dies Lied gern mit einstimmen.

Amen.
____________________________________________________

(1*) zitiert nach:http://www.zeno.org/Literatur/M/Sachs,+Hans/Gedichte/Spruchgedichte+(Auswahl)/
Die+wittembergisch+nachtigal

(2*) zit. nach Martin Luther, Ausgewählte Schriften, hg. von Karin Bornkamm und Gerhard Ebeling, Bd. 5,
Kirche, Gottesdienst, Schule, 1982, S. 278f.

(3*) Brief an Ludwig Senfl 1530, vgl. Luther Deutsch Bd. 10, Göttingen 1983², 219.

(4*) Zitiert nach M. Rößler, Art. Martin Luther, in: W. Herbst, Wer ist wer im Gesangbuch, 2001, S. 207

(5*) Vgl. 2. Kön. 3,16 – dass das kriegerische Drumherum dieser Geschichte kritisch zu betrachten ist, steht auf
einem anderen Blatt.

(6*) EG 503, Geh aus mein Herz und suche Freud, Str. 8

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