Textbeitrag zu den Feiertagen "500 Jahre Reformation"
von Pfarrer Martin Germer , Berlin, Gedächtniskirche
Sonntag Judika, 25.3.2012, 18 Uhr, Abendmahlsgottesdienst

im Rahmen der Reihe „Reformation und Musik“,
Kaiser-Wilhelm-Gedächtnis-Kirche,
Pfarrer Martin Germer

Predigt mit dem Luther-Lied „Es wolle Gott uns gnädig sein“ (EG 280 – nach Psalm 67)

Es wolle Gott uns gnädig sein und seinen Segen geben,
sein Antlitz uns mit hellem Schein erleucht zum ewgen Leben,
dass wir erkennen seine Werk und was ihm lieb auf Erden,
und Jesus Christus, Heil und Stärk, bekannt den Heiden werden
und sie zu Gott bekehren.

Liebe Gemeinde!

Am 6. Mai 1524, so berichtet eine Magdeburger Chronik, steht ein alter Mann auf
dem Marktplatz der Stadt und singt. Um ihn herum sammeln sich die Leute. Was er
da singt, das haben sie noch nie gehört. Psalmen aus der Bibel, in ihrer deutschen
Sprache, ganz in ihre Gegenwart hinein! „Aus tiefer Not schrei ich zu dir, Herr Gott,
erhör mein Rufen!“ und dazu das Lied, von dem wir eben die erste Strophe gesungen
haben: „Es wolle Gott uns gnädig sein.“ Der Alte hält Blätter in der Hand, da sind die
Lieder abgedruckt. Rasch greifen die ersten zum Geldbeutel. Diese Lieder wollen sie
auch haben, das lassen sie sich etwas kosten.

Da kommt der Bürgermeister aus der Frühmesse. Er sieht die Menschenmenge, am
Denkmal von Otto dem Großen, er hört das Singen. Ein Stadtknecht soll hingehen
und sehen, was los ist. Der berichtet: Da steht so ein loser Bube, hält Luthers ketzeri-
sche Lieder feil und singt sie den Leuten vor.

Das will der Bürgermeister nicht dulden. Er lässt den alten Mann verhaften und ein-
sperren. Nicht lange aber, so versammeln sich an die 200 Leute vor dem Rathaus. Die
fordern die Freilassung des Mannes. Der Stadtknecht habe ihn zu Unrecht beschul-
digt, an den Liedern sei gar nichts Ketzerisches.

Der Bürgerprotest hat Erfolg. Der Sänger kommt frei. Ja an seiner Stelle wird nun der
böswillige Stadtknecht eingesperrt, und es heißt, er sei bald darauf aus der Stadt
verwiesen worden. Der alte Mann aber habe die Lieder immer wieder öffentlich ge-
sungen und seine Drucke unter die Leute gebracht. Bald seien sie so bekannt gewe-
sen, dass das Volk sie in den Kirchen der Stadt ganz von sich aus angestimmt habe.

Nun ist die Melodie, die die Leute damals aufhorchen ließ, für uns ja eher so, dass
man sich erst einmal einhören muss. Auch der Titel unseres Liedes lässt nicht unbe-
dingt solch einen Publikumserfolg erwarten: „Es wolle Gott uns gnädig sein“. Im Ge-
sangbuch blättert man darüber vielleicht erst einmal hinweg. „Gott sei uns gnädig!“ –
ist das nicht eher ein Ausruf in Momenten äußerster Bedrängnis? Bei einer Naturka-
tastrophe zum Beispiel, wenn alles menschliche Tun plötzlich ganz klein und machtlos
wirkt, oder auch in einem Moment, wo man sich tiefer Schuld bewusst wird und er-
kennen muss: Jetzt kann nur noch Gott helfen? „Gott sei uns gnädig!“

Hier aber stehen diese Worte in einem deutlich anderen Zusammenhang. Man muss
die Anfangszeile des Liedes weiterlesen, um den Ton zu finden, der mit unserem heu-
tigen Lied angestimmt wird: „Es wolle Gott uns gnädig sein und seinen Segen geben“.

So beginnt schon der Psalm, der diesem Lied zugrunde liegt und den ich zu Anfang
aus der Bibel gelesen habe: „Gott sei uns gnädig und segne uns, er lasse uns sein Ant-
litz leuchten.“ Das ist kein Stoßgebet in extremer Bedrängnis und Not, es ist eine Bitte
aus der Mitte des Lebens heraus, eine Bitte um gute Ernte und um gutes Miteinan-
der, nicht nur für einen selbst, sondern auch für die Menschen drum herum, nicht nur
für das eigene Volk, sondern für alle Welt: „Gott segne uns“. Und die Bitte mündet
unmittelbar in Dankbarkeit. Zweimal gleich, in einer Art Refrain, heißt es: „Es danken
dir, Gott, die Völker, es danken dir alle Völker.“

Immerhin aber: Ganz am Anfang steht auch hier die Bitte: „Gott sei uns gnädig!“ Wer
so betet, der weiß, dass Gottes Segen kein Automatismus ist, nichts, worauf wir
selbstverständlichen Anspruch hätten. Was wir empfangen, kommt aus der gnädigen
Zuwendung Gottes. Und das, was wir in unserem Leben an Gutem erfahren dürfen,
wird uns auch dann erst wirklich zum Segen, wenn wir es so wahrnehmen und an-
nehmen: Als Gottes Geschenk. Als Zeichen für die Freundlichkeit, mit der Gott uns
begegnet und mit der er unser Leben fördern will. Zum Segen wird es, wo wir uns
darin bis in unser Innerstes hinein als von Gott bejaht und geliebt erkennen können,
wo er „uns sein Antlitz leuchten lässt“, um es in Worten des Psalms zu sagen.

1523 schreibt Luther einigen seiner Mitstreiter: „Wir planen nach dem Beispiel der
Propheten und der alten Kirchenväter für die Menge deutsche Psalmen zu dichten,
geistliche Gesänge, damit Gottes Wort auch gesungen im Volk lebe.“ Die Psalmen sol-
len nicht länger nur als lateinisch-gregorianische Gesänge in Klöstern und Kirchen er-
klingen, sondern in volksliedhaft gängigen Strophenliedern für jedermann singbar
werden. Das würde sehr helfen, die Bedeutung des neu erfassten Evangeliums unter
die Leute zu bringen. „Darum“, so schreibt er an Georg Spalatin, „darum suchen wir
allenthalben Dichter.“

Und er geht selbst auch als Liedermacher mit gutem Beispiel voran. In weniger als
zwei Jahren dichtet er nicht nur Lieder zu den christlichen Hauptfesten, sondern auch
bereits einige Psalmlieder und erfindet dafür z.T. sogar neue Melodien. Unter den
sechs Psalmen, die er dafür auswählt, ist auch dieses Gebet über den Segen Gottes:
„Gott sei uns gnädig.“ Dabei haben für ihn gerade diese Anfangsworte vollen Klang.

Früher war ja gerade dies die Frage gewesen, an der für ihn sein ganzes Leben hing:
„Wie kriege ich einen gnädigen Gott?“ Kann ich es mit meinem Ringen um ein gottge-
fälliges Leben, kann ich es mit meinem frommen Eifer erreichen, dass Gott sich mir
zuwendet und dass seine Güte mir gewiss wird? Wie komme ich dahin, dass ich mich
von ihm als dem Grund allen Lebens zutiefst bejaht finden kann? Wo ich doch immer
wieder merken muss, wie viel an mir gar nicht wirklich zu bejahen oder gar zu lieben
ist! So hatte die Frage ihn schließlich doch immer wieder verzweifelt zurückgelassen.

Dann aber war eben das seine grundlegend neue Glaubensentdeckung geworden: Es
geht gar nicht darum, wie ich dahin komme, wie ich mich liebenswert mache! Für
Gott bin ich es schon, ich bin von ihm bejaht und geliebt, als Sünder und fehlerhafter
Mensch, der ich bin, allein aus seiner Gnade! Das darf ich einfach glauben, weil es mir
in Jesus Christus begegnet. Er hat für mich den Tod des Sünders, den Tod der Gottes-
ferne auf sich genommen, und er ist durch Gott auferstanden, damit ich mit ihm le-
ben kann. Ja, damit wir alle mit ihm leben können, jetzt und in Ewigkeit. Mit mensch-
licher Logik und nach menschlichen Gerechtigkeitsvorstellungen ist das nicht zu erfas-
sen, geschweige denn durch menschliches Tun zu erwirken. Es ist reine Gnade, Gottes
Gnade, und es ist seine Liebe. So sollen wir glauben und darin ihm allein vertrauen.

Aus dieser Schlüsselerfahrung am Anfang der Reformation heraus hat er nun auch
dies Lied gestaltet. Wo im biblischen Psalm die Bitte steht: „Gott … segne uns, er lasse
uns sein Antlitz leuchten“, da fragt Luther: Geht es denn hier nur um zeitlichen und
irdischen Segen? Nein, bei der Gnade Gottes geht es um das, was uns leben lässt in
Zeit und Ewigkeit. Darum holt er sich noch etwas Sprachhilfe bei Paulus und ergänzt
die Worte des Psalms:
„sein Antlitz uns mit hellem Schein erleucht‘ zum ewigen Le-
ben“(1*).
Das ist der Segen, den wir in Wahrheit brauchen. Darum sollen wir bitten!

Aber wie kommt das in unsere Herzen? Wie wird es uns zum Segen? Auch das haben
wir mit der ersten Strophe schon gesungen:
„dass wir erkennen seine Werk und was
ihm lieb auf Erden, und Jesus Christus, Heil und Stärk, bekannt den Heiden werden und
sie zu Gott bekehren“.
Dass wir in Christus die Liebe Gottes für uns Menschen erken-
nen, und dass das mit uns und vielleicht sogar durch uns auch anderen nahekommt.

Darum geht es in diesem Lied, das der alte Tuchmacher damals in Magdeburg gesun-
gen hat. Weil das ihn selbst so bewegte, hat er es unter die Leute gebracht. Das war
nicht ungefährlich für ihn. Aber die Freude über das, was mit dieser neuen Erkenntnis
des Evangeliums begonnen hatte, war größer.

Und um diese Freude ging es Luther, als er der zweiten Strophe seines Liedes die
Psalmworte zugrunde legte:
„Es danken dir, Gott, die Völker.“ Und weiter: „Die Völker
freuen sich und jauchzen, dass du die Menschen recht richtest und regierst die Völker
auf Erden.“

In diese Freude können wir gleich mit einstimmen. Zugleich werden wir merken, wie
Luther sich darüber Gedanken gemacht hat, was das denn in der Gegenwart heißen
könnte. Dass Gott überall in der Welt das Regiment übernommen hätte, das kann
man ja gewiss nicht behaupten. Auch nicht, dass alle Regierenden sich stets an Gottes
Willen orientierten. Nicht selten richten sogar gerade die Herrscher, die sich selbst
besonders von Gott berufen und beauftragt sehen, besonders viel Unheil an. Das galt
damals für das verweltlichte Papsttum der Lutherzeit. Das gilt für Verfechter eines
islamischen Gottesstaates in unserer Zeit, aber auch für so manche Politiker, die heu-
te mit christlich-fundamentalistischen Parolen zur Macht streben.

Aber Gott überlässt die Welt nicht sich selbst. Er hat sein Wort in diese Welt hinein
gesprochen und tritt damit menschlichem Hochmut und menschlicher Eigenmächtig-
keit entgegen. Die Sünde soll nicht schrankenlos herrschen und „walten“. Ihr wird
widersprochen, wir Sünder werden zur Umkehr gerufen. Und mehr noch: Gottes
Wort ist „Hut und Weide“, es gibt der bedrängten Seele Nahrung und Kraft und es
gibt allen Menschen, allem Volk die Orientierung, die sie brauchen, um
„in rechter
Bahn zu wallen“(2*)
. So wurde Gottes Wort in der Reformation zu neuer Lebendigkeit
befreit. Eine Sichtweise, die heute auch in der römisch-katholischen Kirche von vielen
geteilt wird. Wir haben guten Grund, mit der zweiten Strophe auch für solche Gnade
und solchen Segen zu danken.

So danken, Gott, und loben dich die Heiden überalle,
und alle Welt, die freue sich und sing mit großem Schalle,
dass du auf Erden Richter bist und lässt die Sünd nicht walten;
dein Wort die Hut und Weide ist, die alles Volk erhalten,
in rechter Bahn zu wallen.

So wie unser Lied drei Strophen hat, so hat auch der zugrunde liegende 67. Psalm drei
Teile. Der dritte Teil besingt die Freude an der heranwachsenden Saat und bittet um
gute Ernte: „Das Land gibt sein Gewächs; es segne uns Gott, unser Gott!“ Und so kön-
nen wir den Psalm natürlich beten im Wissen, dass „Wachstum und Gedeihen“(3*) letzt-
lich nicht in unsrer Hand steht.

Luther allerdings gibt auch diesen Worten in seiner dritten Strophe noch zusätzliche
Bedeutung. Er erinnert sich an das Gleichnis, in dem Jesus erzählt, wie der Same des
Wortes Gottes auf jeweils unterschiedlichen Boden fällt. An der einen Stelle kann es
gar nicht Wurzeln fassen. An anderer Stelle wird es rasch von anderem überlagert,
oder es gibt nur eine kurze Scheinblüte. Aber es gibt auch das gute Land, wo der Sa-
me aufgeht und vielfältig Frucht bringt. „Das aber auf dem guten Land“, sagt Jesus,
„sind die, die das Wort hören und behalten in einem feinen, guten Herzen und bringen
Frucht in Geduld“(4*).

Und das ist die Weise, in der wir Gott loben können. Nicht allein mit Worten, sondern
mit einem Leben, das der Gnade Gottes glaubt und ihr zugleich, in einem lebendigen
Wechselspiel, „in guten Taten“ antwortet. Dann kann es auch von uns gesagt wer-
den: „das Land bringt Frucht und bessert sich, dein Wort ist wohlgeraten“.

Der alte Sänger und Flugblattverkäufer auf dem Marktplatz von Magdeburg mochte
bei diesen Worten an das gedacht haben, was tatsächlich in den fünfeinhalb Jahren
seit Luthers Thesen über den Ablass alles in Bewegung gekommen war. Wie Gottes
Wort neu zur Sprache gebracht wurde und wie es Gehör gefunden hatte. An wie vie-
len Orten nun schon im neuen Sinne „evangelisch“ gepredigt wurde! Wie die Schrif-
ten von Luther mit den neuen Mitteln des Buchdrucks rasche Verbreitung fanden und
wie die Leute anfingen, im Neuen Testament, das er auf der Wartburg ins Deutsche
übersetzt hatte, zu lesen. Und wie selbst Papst und Kaiser das Evangelium nicht zum
Schweigen bringen konnten.

Auf dem Weg zum 500. Jahrestag der Reformation gibt das auch uns Grund, uns
dankbar zu erinnern. Wir sollten das nicht für selbstverständlich nehmen. Ebenso
dankbar können wir aber für alles das sein, was das Wort Gottes seither in der rö-
misch-katholischen Kirche und in anderen christlichen Konfessionen bewirkt und wie
es auch über den Kreis der Kirche hinaus auf vielfache Weise Frucht getragen und
geholfen hat, Dinge zum Besseren zu verändern.

Dies alles aber nicht in irgendeiner Art von Triumphalismus, sondern in selbstkriti-
scher Bescheidenheit. Wie oft sind auch wir als Evangelische Kirche dem Wort Gottes
nicht gefolgt, sondern sehr eigenmächtige Wege gegangen – und tun es wohl auch
weiterhin. Wir als Kirche und auch wir ganz persönlich. Auch darum kann die Bitte um
den Segen des Wortes Gottes doch immer wieder nur anfangen mit der Bitte:
„Es wolle Gott uns gnädig sein“.

Als Martin Luther seine ersten Psalmlieder dichtete, war er zugleich damit beschäf-
tigt, erstmalig eine Gottesdienstordnung ganz in deutscher Sprache auszuarbeiten.
Hierfür hat er unser heutiges Lied als Schlusslied vorgesehen (5*). Wo es im Psalm am
Schluss zweimal heißt: „Es segne uns Gott“, da hat Luther daraus eine Bitte an Gott
Vater, Sohn und Heiligen Geist gemacht. So wie der Gottesdienst beginnt „im Namen
des Vaters und des Sohnes und des Heiligen Geistes“, so soll er auch enden und so soll
der Segen des gehörten und empfangenen Wortes die Gemeinde in ihren Alltag be-
gleiten. Im Singen können wir uns dazu Luthers Ermunterung zu Eigen machen:
Nun sprecht von Herzen: Amen.“


Es danke, Gott, und lobe dich das Volk in guten Taten;
das Land bringt Frucht und bessert sich, dein Wort ist wohlgeraten.
Uns segne Vater und der Sohn, uns segne Gott der Heilig Geist,
dem alle Welt die Ehre tu, vor ihm sich fürchte allermeist.
Nun sprecht von Herzen: Amen.

Text: Martin Luther 1524;
Melodie: 15. Jh., bei Ludwig Senfl 1522, Matthäus Greiter 1524 oder Magdeburg 1524

_______________________________________

(1*) Vgl. 2. Kor. 4,6

(2*) Hier steht Psalm 23, 2-3 im Hintergrund

(3*) Vgl. Wir pflügen und wir streuen, EG 508

(4*) Lukas 8, 15

(5*) „Verleih uns Frieden gnädiglich“, EG 421, entstand erst fünf Jahre später, anlässlich der Belagerung Wiens durch die Türken.

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(c) Idee / Text / Fotos: wde
Stand 19.02.2013
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