Unter großer Beteiligung der Kirchengemeinde feierten die Jubilare
Ansprache anläßlich der Goldenen Konfirmation von Pastor Hans-Peter Hellmanzik
in der Dreikönigskirche Bad Bevensen, am Sonntag, den 11. September 2005

Des Menschen Herz erdenkt sich seinen Weg; aber der HERR allein lenkt seinen Schritt.
Sprüche 16, 9

Liebe Brüder und Schwestern und besonders: liebe Jubilare!

50 Jahre ist es her, dass Sie hier in der Bevenser Dreikönigskirche konfirmiert wurden. Heute sind wir nochmal in die Kirche eingezogen, so wie die meisten von Ihnen es damals mit Pastor Baehr oder Superintendent Stünkel getan haben. Vielleicht nicht ganz so aufgeregt wie früher, aber doch wohl mit einem Gefühl, das daran erinnert. Vorfreude, Spannung auf diesen Tag, ein bisschen Kribbeln in der Magengrube: Wen mögen wir wohl wieder treffen? Wird sie auch da sein, oder er? Wie wird es sein, wenn wir uns wieder sehen, Erlebtes austauschen? Was erfahre ich von dir, was erzähle ich von mir?

Und überhaupt werden heute bestimmt Erinnerungen wach an die Konfirmandenzeit. Gemeinsam Erlebtes steht plötzlich wieder vor Augen, die Atmosphäre des Konfirmandenunterrichts wird wieder wach, vielleicht kommt Ihnen sogar der Geruch des Unterrichtsraumes wieder in Erinnerung. Sie werden an Bibelverse denken und an Gesangbuchlieder, die Sie reihenweise auswendig können mussten. Einige werden an ungewöhnliche Kleinigkeiten denken, lustige Begebenheiten. Nachher werden Sie sich austauschen - ich bin schon gespannt, was es da zu hören gibt! - 'Weißt du noch, damals?'

Lassen Sie uns ein wenig zurückblicken! Als Sie damals konfirmiert wurden, lagen die schlimmsten Notzeiten hinter Ihren Familien. Langsam wendete sich das Blatt. Die staatliche Bewirtschaftung mit Bezugsscheinen und Marken endete offiziell 1950. Der Marschallplan sorgte dafür, dass es wirtschaftlich weiterging in unserem Land. Viele wanderten aber auch aus, in die USA oder nach Kanada. Es gab wahnsinnig viel zu tun, zunächst noch 2 Mio. Arbeitslose, doch die Konjunktur stieg, Arbeit all überall. Die sozialen Vergünstigungen nahmen zu, ebenso die Urlaubstage. Seit den 50er Jahren wurde die 48-Stunden Woche eingeführt. Die Flüchtlinge aus dem Osten und aus den Städten fassten langsam Fuß, konnten sich eine neue Existenz aufbauen. Das Familienleben kam dabei meist zu kurz, nach der Schule ging's gleich aufs Feld oder zum Helfen beim Hausbau. Und das wichtigste Transportmittel damals war nicht das Auto, sondern - das Fahrrad. Wissen Sie noch, wie lange Sie brauchten, um zur Schule, zur Arbeitsstelle oder zum Einkaufen zu kommen? Die Heimarbeit der Frauen, Schneidern, Stricken, Wäschewaschen, Putzen usw. besserte den Verdienst der Familien auf. Obst und Gemüse wurde selber eingemacht, Beeren und Pilze im Wald gesucht. Ganz wichtig war es, nach den Hungerzeiten sich satt essen zu können, viel zu essen - und das war entsprechend teuer. 46% des Einkommens einer Arbeiterfamilie wurde damals für Lebensmittel ausgegeben. Heute liegt das so bei 14%. 1950 gab die erste Tiefkühlkost. Der UKW-Empfänger löste den Volksempfänger ab. Die Programmzeitschrift HÖRZU kam auf den Markt mit dem Igel Mecki als Maskottchen. 1951 war die Märchenhochzeit des Schah Reza Pahlewi von Persien mit Prinzessin Soraya. Nun hat sich seine jüngste Tochter das Leben genommen. Kennen Sie noch die Schlager von damals? ... 'Nimm mich mit, Kapitän, auf die Reise' oder 'Pack die Badehose ein, nimm dein kleines Schwesterlein' oder 'Das machen nur die schönen Beine von Dolores'. Und der Film 'Die Sünderin' mit Hildegard Knef wurde 1951 wegen einer Nacktszene zum Kassenschlager.

In den 50er Jahre gab es viele saure Wochen, viel harte Arbeit. Aber umso froher waren die Feste. Es war ja Frieden und es ging aufwärts. Es war eine Zeit der Neuorientierung. Vieles haben die Menschen damals geleistet. Vieles haben sie entbehren müssen, was für uns heute selbstverständlich ist. Und wenn ich Sie frage: Waren Sie damals trotzdem glücklich? - Wie würden Sie für sich darauf antworten?

Nicht nur unser Land mit all seinen Menschen, auch Sie selber, mit Ihren 14 Jahren, mussten nach einer Orientierung suchen. Was für Pläne hatten Sie für Ihre Zukunft? Hatten Sie überhaupt welche? Gab es Träume, die sich erfüllt haben? Und solche, die noch offen stehen, oder von denen Sie Abschied genommen haben? Was von dem, was Sie sich vorgenommen haben, ist Wirklichkeit geworden? Wo hat Ihnen das Schicksal ins Handwerk gepfuscht? Und wenn Sie heute Nachmittag in fremde und doch irgendwie bekannte Gesichter schauen, was werden Sie antworten, wenn ein Freund von damals Sie fragen würde: 'Und, bist du glücklich mit deinem Leben? Hat sich erfüllt, was du wolltest? Wohin führte dich dein Weg?' Zeit zum Innehalten, zum Nachdenken über das eigene Leben und das, was gewesen ist, auch dafür dient so ein Tag wie heute.

Mir ging in jüngster Zeit wegen eines runden Geburtstags und eines Ordinationsjubiläums auch manches durch den Kopf. Die Zeit, die damals für uns zu Ende ging und die Zukunft, die dann begann. Nachher, in den Gesprächen mit alten Freunden, da kam es immer wieder: Das Staunen über den Weg, den wir seitdem gegangen waren, die Illusionen und Ideale, die bei manchen zerbröckelt waren, ungeahnte Schritte, die andere taten. Und ich musste immer wieder an einen Spruch aus dem Alten Testament denken, den ich Ihnen auch zum Nachdenken mitgeben möchte: 'Des Menschen Herz erdenkt sich seinen Weg, aber der Herr ist's, der seinen Schritt lenkt.'(Spr.16,9) Darin steckt eine Erfahrung, die Menschen vor vielen tausend Jahren gemacht haben und die wir immer wieder machen. Die Erfahrung, dass alles Pläneschmieden, alles Wünschen und Hoffen die eine Seite unseres Lebens ist. Eine ganz andere Seite aber ist das, was tatsächlich geschieht, was eintrifft. 'Erstens kommt es anders, zweitens als man denkt', sagen wir dazu auch.

Unser Sprichwort 'Der Mensch denkt, Gott lenkt' bringt daneben noch eine andere Erfahrung zum Ausdruck. Es sagt mir: Das Unbekannte des Weges, den wir gehen, die Unmöglichkeit, meine Zukunft in den Griff zu kriegen, das hat von Gott her seinen guten Sinn. Bei allem, was mir widerfährt, auch wenn ich es im Moment vielleicht nicht ganz begreife, darf ich davon ausgehen, dass es einen Sinn hat. Dass es eine gute und liebende Macht gibt, die mich unterstützt und mich sicher leitet. Und wenn mir das ein oder andere nicht gelingt, wenn mir aus den Händen geschlagen wird, was ich hatte oder zu ergreifen hoffte, dann ist es nicht ein kaltes Schicksal oder ein dummer Zufall, der mir einen bestimmten Weg versperrt, sondern dann ist es der Wille Gottes, der mir einen anderen, einen neuen Weg zeigt. Der mir dadurch Erfahrungen eröffnet, die mich über das hinausführen, was ich vorher erblicken oder erahnen konnte. Ja, es ist geradezu unsere große Chance, aus dem zu lernen und die Schritte zu gehen, die unser Herr uns lenkt. Bei allem Planen und Wollen lenkt ein anderer meinen Schritt, eröffnen sich Möglichkeiten, von denen ich vorher nichts ahnte. Und so erlebe ich das Leben in einer Fülle, wie ich es vorher nicht zu träumen wagte.

Für viele von Ihnen beginnt in diesen Jahren eine neue Zeit, oder hat schon begonnen: die Ruhezeit, das Rentnerdasein - eine Zeit, um sich neu zu orientieren. Doch wenn ich Sie so ansehe, wenn ich in Ihre Gesichter schaue, dann habe ich den Eindruck: eine ruhige Kugel schieben, das werden Sie wohl eher nicht. So viel Energie ist noch da, so viele Ideen, so viel Freude am Leben. Es ist Zeit, Pläne zu schmieden, zu überlegen: Was will ich noch für mein Leben, wohin möchte ich noch gehen?

Ich wünsche Ihnen von Herzen Gottes Segen für diesen Weg, der nun vor Ihnen liegt. 'Des Menschen Herz erdenkt sich seinen Weg, aber der Herr ist's, der seinen Schritt lenkt.' Planen Sie, planen wir mit wachen Sinnen. Und bleiben wir offen für die ungeahnten Wege, die sich für uns entwickeln mögen. Vielleicht wird eine Begegnung, ein Erlebnis Sie manches neu sehen lassen. Vielleicht werde ich einen anderen Weg einschlagen, als ich es eigentlich vorhatte. Nehmen wir es als eine Herausforderung, an der wir wachsen können. Gott hat immer noch etwas mit uns vor! Freuen wir uns, vielleicht ja mit einem Kribbeln im Bauch, auf das, was uns erwartet. Heute, morgen und in Ewigkeit!
Amen.

Superintendent Martin Stünkel, Pastor Wilhelm Behr, Organist Herbert Sehm und Diakon Ernst Rehberg,
im Jahr 1955 verantwortlich in Bevensen, werden im Himmel ihre Freude gehabt haben über die gelungene
und engagierte Predigt von Pastor Hans-Peter Hellmanzik und "ihre" Konfirmanden.
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Bad Bevensen, den 11. September 2005 Fotos: wde